Was geschieht mit Horten?

In einem aufwendigen Prozess hat die Stadt Frankfurt ein „Gesamtkonzept ganztägig arbeitende Grundschulen/Grundstufen“ entwickelt. Im Schuljahr 2020/2021 erproben es zehn Schulen in einer Pilotphase. Bei der Bilanzveranstaltung des Entwicklungsprozesses Ende Oktober wurde deutlich, dass die Stadt zwar Horte (noch) braucht. Doch ihre Rolle und somit auch ihre konzeptionelle Arbeit wird aufgrund des Gesamtkonzeptes eine andere werden müssen.

Matsch und Gummistiefel: Nach der Schule brauchen Kinder Zeit und Raum für das, was ihnen Spaß macht.

Schulkindbetreuung: Engagement aller Akteure gewünscht

Acht Monate hatte sich das Stadtschulamt Zeit gegeben, ein „Gesamtkonzept Ganztag“ für die Betreuung von Grundschulkindern in Frankfurt zu entwerfen. Seit Februar 2019 waren verschiedene Akteur*innen aus dem Bereich Schulkinderbetreuung eingeladen, sich an der Entwicklung des Gesamtkonzepts zu beteiligen. Das Konzept sieht vor, dass alle, die im Feld Schulkindbetreuung aktiv sind, zukünftig gezielt miteinander kooperieren. So will die Stadt gewährleisten, dass ein Angebot an Plätzen entsteht, mit dem der von der Bundesregierung geplanten Rechtsanspruch auf Schulkindbetreuung bis 2025 sichergestellt werden kann. Auf einer Veranstaltung am 31. Oktober hat das Stadtschulamt Ergebnisse des Entwicklungsprozesses vorgestellt und das Pilotprojekt skizziert, mit dem das Gesamtkonzept in der Praxis erprobt werden soll.

Unter frankfurt-macht-schule.de kann man die Ergebnisse des Beteiligungsprozesses einsehen.

Unterschiedliche Bedingungen an Schulstandorten

Beim Gesamtkonzept Ganztag, das zeigte sich während der Bilanzveranstaltung, sind noch viele Punkte zu klären. Erschwert wird das Ganze durch unterschiedliche Bedingungen, die an den Schulstandorten für Kooperationen vorherrschen. Beispielsweise gibt es Schulen, die mit mehreren Horten zusammenarbeiten und baulich nicht mehr verändert werden können, um eine Schulkindbetreuung auf dem Schulgelände abbilden zu können. Dann gibt es Schulen, die mit Hort und Erweiterter Schulischer Betreuung (ESB) zusammenarbeiten. In einigen Schulbezirken können Schulen jedoch auch mit dieser Kooperation zukünftig nicht genügend Plätze bereitstellen. Außerdem baut die Stadt derzeit neue Grundschulen. Teilweise hat das Stadtschulamt bei den Neubauten die Schulkindbetreuung mitplanen können, teilweise aber nicht. Das bedeutet, selbst da, wo neu gebaut wird, braucht es möglicherweise weitere Plätze, um im Schulbezirk ausreichend Schulkindbetreuung anbieten zu können.

Lesen braucht Ruhe: In welchen Räumlichkeiten finden Kinder sie?

Einer der wichtigsten Punkte aus Sicht der LAG Freie Kinderarbeit ist beim Gesamtkonzept Schulkindbetreuung die zukünftige Rolle der Horte. In der Vergangenheit war das Stadtschulamt diesbezüglich sehr vage geblieben. Sozialdezernentin Sylvia Weber betonte erneut, dass die Stadt alle bräuchte, die sich in der Schulkindbetreuung engagieren. Was das genau heißt, wollte die LAG Freie Kinderarbeit auf der Bilanzveranstaltung klären. Wir haben versucht, die nötigen Fragen zu stellen, um die Rolle der Horte im Ganztag einschätzen zu können. Zwar ist es zu früh, um eine abschließende Einschätzung geben zu können. Wir sehen jedoch Tendenzen, die wir hier erläutern möchten.

Ein bisschen Platz für den Hort im Gesamtkonzept Ganztag

Durch das Gesamtkonzept Ganztag wird deutlich, dass der Fokus der Stadt Frankfurt auf der Weiterentwicklung der Ganztagsschule liegt. Die geplanten neuen Grundschulen, so sieht es der Schulentwicklungsplan vor, sollen architektonisch wie auch konzeptionell einen Ganztagsschulbetrieb zulassen. Das heißt, an allen Standorten, an denen ein Schulneubau entsteht, ist die Stadt bestrebt, die Schulkinderbetreuung in die Räumlichkeiten der Schule zu integrieren.

Unklar ist, wie sich die Schulkindbetreuung in Schulbezirken entwickelt, in denen es bereits einen Bestand an Schulgebäuden und Horten gibt. Die Frage lässt sich nicht einfach beantworten, da sich die Ausgangssituationen in diesen Schulbezirken unterscheiden. Es gibt:

  • Schulen, die räumlich die Möglichkeiten aufweisen, sich zu einer vollständigen Ganztagsschule zu entwickeln, eventuell durch bauliche Anpassungsmaßnahmen.
  • Schulen, die zwar räumliche Möglichkeiten aufweisen, sich zu einer Ganztagsschule zu entwickeln. Diese reichen zukünftig jedoch nicht für alle Schulkinder aus. Hier besteht ein Ergänzungsbedarf.
  • Schulen, die räumlich mit dem Schulbetrieb ausgelastet sind und teilweise komplett auf Unterstützung von außen zur Realisierung des Ganztages angewiesen sind.

Schulkindbetreuung mit oder ohne Hort?!

Der erste Fall ist für die LAG Freie Kinderarbeit relativ eindeutig: über kurz oder lang werden Horte in Schulbezirken überflüssig, in denen Schulen die Schulkindbetreuung ohne Unterstützung durch andere Kooperationspartner übernehmen können. Allerdings gibt es Ausnahmen. In Frankfurt haben sich jetzt schon Eltern erfolgreich gegen diese Entwicklung gewehrt und auf den Hort bestanden (zum Beispiel im Stadtteil Riedberg).

Schulkindbetreuung auf dem Schulgelände: Nicht an allen Schulstandorten reichen die Plätze

Der zweite Fall ist der schwierigste bezüglich einer Einschätzung zur zukünftigen Rolle der Horte im Frankfurter Gesamtkonzept Schulkindbetreuung. Diese Schulen können zwar einen gewissen Bedarf an Plätzen abdecken. Sie sind aber auf die Unterstützung von anderen Akteuren der Schulkindbetreuung angewiesen. Horte könnten an diesen Standorten weiterbestehen. Doch wie sicher es ist, dass diese Horte immer ausreichend Anmeldungen vorliegen haben, lässt sich schwer prognostizieren. Dazu bräuchte es eine Bedarfsanalyse, die die Entwicklungen im Schulbezirk (bspw. Neubaugebiete im Stadtteil) miteinbezieht. Außerdem braucht es den Willen der Schule, mit Horten als festen Kooperationspartner zusammenzuarbeiten. Ist dies nicht der Fall, ist ein Fortbestand des Hortes nicht gesichert. Wir sehen an dieser Stelle Parallelen zum Pakt für den Nachmittag.

Gute Chancen auf den Fortbestand hat ein Hort, wenn die Schule keine oder kaum eigene Ressourcen hat, um ein Ganztagsangebot zu realisieren. Das wäre die dritte der beschriebenen Ausgangssituationen. Viele Frankfurter Schulen werden Unterstützung aus dem Quartier benötigen. Daraus kann für Horte eine langfristige Perspektive entstehen.

Hort wird sich verändern (müssen)

Ob sich Horte in ihren Bezirken oder so genannten Bildungsquartieren halten können, wird davon abhängen, wie anpassungswillig beziehungsweise -fähig sie sind. Klar ausgesprochen hat es niemand auf der Bilanzveranstaltung. Doch die diskutierte Zeit- und Angebotsstruktur im Gesamtkonzept Ganztag lässt die Vermutung zu, dass sich Horte mit ihren Konzepten und Angeboten anpassen müssen. Insbesondere bei teilgebundenen Schulen ist vorgesehen, dass Horte der Ort für das Mittagessen sind. Nach dem Mittagessen würden die Schülerinnen in die Schule zurückkehren, zum letzten Unterrichtsblock bis 15:00 Uhr. Von Horten wird somit erwartet, dass sie sich mit ihren Angeboten an diese Zeitstruktur anpassen.

Mitarbeiter*innen der Hortträger sollen ferner den Ganztag gemeinsam mit der Schule gestalten. Das heißt, diese betreuen die Kinder zukünftig auch im Schulgebäude (zum Beispiel übernehmen sie gemeinsam mit Lehrer*innen die Betreuung in Lernzeiten). Die Räumlichkeiten des Hortes stehen im Gesamtkonzept zudem für alle Kinder offen, das heißt auch für Kinder, die nicht per Betreuungsvertrag beim Hort angemeldet sind. Sie sollen an Hortangeboten teilnehmen dürfen. Kooperationen mit teilgebundenen Schulen können sich in bestimmten Fällen außerdem auf die Altersstruktur der Hortkinder auswirken. Hier sollen Horte lediglich Kinder der Jahrgangsstufe 1 und 2 betreuen.

Einrichtungswechsel am Nachmittag wird zur Regel

Horte haben bislang unabhängige eigene Konzeptionen zur Schulkindbetreuung. Diese mögen teilweise sehr unterschiedlich sein. Eins aber ist ihnen gemein: die Konzeptionen bauen darauf auf, dass die Kinder vor Ort sind, also nach der Schule der Hort ihr Bezugspunkt ist. Das wird in der Zukunft nicht mehr so sein. Schon heute wechseln Kinder nachmittags für zusätzliche Angebote zwischen Hort und Schule. Dies verändert die Arbeit mit den Kindern und die Beziehung zu ihnen im Hort, was die meisten Hort-Fachkräfte bedauern. Die LAG Freie Kinderarbeit geht jedoch davon aus, dass diese Wechselstruktur (von Schule zu Hort und wieder zurück zur Schule) eher zur Regel als zur Ausnahme wird.

Kinder brauchen selbstbestimmte Aktivitäten, wie Klettern oder Rumhängen. Schulkindbetreuung muss das bieten.

Das wiederum bedeutet, dass Horte zukünftig nicht mehr ausschließlich nach ihrer eigenen Konzeption arbeiten können. Für ein Gelingen des Gesamtkonzeptes und ein gut funktionierendes Bildungsquartier müssen sie ihre Arbeit im Verbund mit den anderen Akteuren planen. Denn im Gesamtkonzept Ganztag hat der Hort nicht das alleinige Mandat für die Schulkindbetreuung am Nachmittag, wie es mancherorts früher einmal war. Nun muss sich Hort zu einem Akteur unter vielen in einem Netzwerk entwickeln. Die Rhythmisierung des Schulbetriebes wird den klassischen Hortbetrieb umfassend verändern. Abhängig vom Standort können diese Entwicklungen teilweise lange andauern.

Pilotphase: Zehn Schulen und Bildungsquartiere im Ganztagsversuch

Schulen und Träger von Erweiterter Schulischer Betreuung waren Ende November von der Stadt zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Ihre möglichen Kooperationspartner (wie etwa Horte) sollten sie mitbringen. Zwischen Dezember 2019 und Februar 2020 finden quartiersbezogene Beratungen statt. Bis März 2020 will die Stadt unter den Interessierten zehn Schulen bei der Entwicklung eines Konzeptes für den Ganztag begleiten und unterstützen. Dieses wird von den Schulen und deren Kooperationspartner in der zweiten Hälfte des Schuljahres 2020 / 2021 erprobt. Mit der Pilotphase will die Stadt Frankfurt unter anderem überprüfen, ob und wie die Zusammenarbeit in den Quartieren gelingt, ob Kinder die Verzahnung der Angebote wahrnehmen und ob die multifunktionale Raumnutzung funktioniert. Außerdem sollen Eltern für Schulkindbetreuung künftig überall den gleichen Betrag zahlen. Die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Angebot der Schulkindbetreuung müssen Eltern dann nicht mehr mit Blick auf ihre finanziellen Möglichkeiten treffen.

Unsere Empfehlung an Horte

Die LAG Freie Kinderarbeit empfiehlt allen Horten, die daran interessiert sind, an ihrem Standort weiterhin die Entwicklung von (Schul-)Kindern zu begleiten, sich proaktiv einzubringen. Horte sollten sich auf Quartierskonferenzen oder direkt bei den Schulen darüber informieren, welche Pläne sie bezüglich der Schulkindbetreuung verfolgen. Denn je nachdem, ob und wie sich eine Grundschule auf den Weg macht, eine Ganztagsschule zu werden, hat dies unterschiedliche Auswirkungen auf die Zukunft eines Hortes.

Die LAG Freie Kinderarbeit wird die Entwicklung im „Gesamtkonzept ganztägig arbeitende Grundschulen/Grundstufen“ weiterhin verfolgen. Um sich als Dachverband gut in die Diskussion während und nach der Pilotphase einbringen zu können, bedarf es Wissen zu den Auswirkungen der städtischen Maßnahmen auf Horte. Wir möchten Hort-Träger daher bitten, uns über Veränderungen in ihrer Arbeit zu informieren, die sich auf das Gesamtkonzept zurückführen lassen.