Die beiden LAG-Sprachkita Fachberaterinnen Corina Jäger und Nicole Kampa haben im Januar das Bundesprogramm Sprach-Kitas an einer Frankfurter Berufsschule für Erzieher*innen vorgestellt. Die Klasse von Jasmin Brimah, Studierende im dritten Ausbildungsjahr, hatte Interesse geäußert, mehr über das Bundesprogramm Sprach-Kitas zu erfahren. Hier geht es zum ausführlichen Bericht der Veranstaltung.

LAG-Sprachkitafachberaterinnen besuchen die Beruflichen Schulen Berta Jourdan

Was ist eine Sprach-Kita und wo finde ich eine in Frankfurt? Was macht eine Sprach-Kita aus? Welche Möglichkeiten gibt es, Sprache in der Kita zu fördern? Bietet das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ Aufstiegsmöglichkeiten für Erzieher*innen? Welche Materialien und Methoden verwenden zusätzliche Fachkräfte?

Diese und viele weitere Fragen stellten Studierende der beruflichen Schulen Berta Jourdan in Frankfurt unseren Fachberaterinnen des Bundesprogramms „Sprach Kitas“, Corina Jäger und Nicole Kampa. Ende Januar besuchten diese eine Erzieher*innenklasse im dritten Ausbildungsjahr, um die Fragen der angehenden Erzieher*innen zu beantworten.

Gespannt machen sich die LAG-Fachberaterinnen Corina Jäger und Nicole Kampa auf den Weg in die Berta-Jourdan Schule. Sie folgen der Einladung der Klassenlehrerin Jasmin Brimah, die in ihrer Klasse die Fächer Deutsch und Englisch unterrichtet. Aufmerksam war Brimah auf das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ durch eine ihrer Studierenden geworden, die ihr Praktikum in einer Sprach-Kita absolvierte. Weil die Förderung des Spracherwerbs ein zentrales Thema im Schulcurriculum ist, sind sie und ihre Studierenden nun neugierig, was in der Praxis bereits umgesetzt wird. Außerdem möchten sie sich Anregungen für ihre eigene Berufspraxis einholen.

Bundesprogramm „Sprach-Kitas“

Zu Anfang beantworten die beiden Fachberaterinnen die Fragen über das Bundesprogramm mit einem Kurzvortrag. Die Studierenden stellen schnell fest, dass sie sich in vielen Aspekten, die im Programm umgesetzt werden, bereits gut auskennen.

Das Programm baut auf drei Schwerpunktsäulen auf: der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung, der inklusiven Pädagogik und der Zusammenarbeit mit Familien. Zur intensiven Auseinandersetzung und Umsetzung der Schwerpunkte in der Einrichtung wird vom Programm eine zusätzliche Fachkraft zur Umsetzung der drei Schwerpunkte finanziert. Die zusätzliche Fachkraft fungiert als Bindeglied zwischen der Leitung und dem Team.

Begleitend zum Programm steht der Einrichtung eine zusätzliche Fachberatung zur Verfügung. Sie begleitet den Entwicklungsprozess der Einrichtungen und qualifiziert das Sprach-Kita Tandem in den drei Schwerpunkten. Dieses setzt sich aus der Einrichtungsleitung und der zusätzlichen Fachkraft Sprach-Kitas zusammen.

Zusätzliche Fachkraft „Sprach-Kitas“: Eine Chance für Erzieher*innen?

Die Studierenden interessiert als nächstes, welche Tätigkeiten die zusätzliche Fachkraft in der Kita übernimmt. Ihre Aufgaben sind sehr vielfältig und können sich in den einzelnen Sprach-Kitas voneinander unterscheiden. Grundlage dabei ist immer die Qualifizierung des Teams in den drei Schwerpunkten. Die Umsetzung ist individuell auf die Einrichtung und das jeweilige Team angepasst.

Beispielhafte Tätigkeiten können die Moderation von Groß- und Kleinteamsitzungen, die Gestaltung von Konzeptionstagen, die Unterstützung der Überarbeitung von Raum- und Materialangebot, die Weiterentwicklung von Beobachtung und Dokumentation oder die Ausarbeitung von Angeboten zur Intensivierung der Zusammenarbeit mit Familien sein. Die Aufgaben tragen zu Qualitätsentwicklung und Professionalisierung der Kitas bei. Im Rahmen der durch das Bundesprogramm geförderten Funktionsstelle und zur Sicherstellung der Umsetzung dessen wird die zusätzliche Fachkraft nicht im Gruppendienst eingeteilt.

Die Studierenden begrüßen, dass der Bund – zusätzlich zur Qualitätsentwicklung der Kitas – eine Möglichkeit für Erzieher*innen geschaffen hat, weitere verantwortungsvolle Tätigkeiten in der Einrichtung zu übernehmen.

Schnupperworkshop Interaktionsqualität

Kita-Leitungen und die zusätzlichen Fachkräfte aus der Sprach-Kita werden zusätzlich qualifiziert, damit sie ihre Aufgaben zielgerichtet umsetzen können. Um den Studierenden einen Einblick in das Programm zu bieten, haben die Fachberaterinnen einen Schnupperworkshop vorbereitet. An praktischen Übungen erarbeiten sich die Studierenden neues Wissen zum Thema „Sprache und Interaktionsqualität“.

Die Qualität der Interaktion ist ein entscheidender Faktor für gelungene sprachliche Bildung. Gute Kommunikation berücksichtigt dabei sowohl die emotionale Ebene als auch die Ebene der Lernunterstützung. Die emotionale Ebene stellt eine wichtige Grundlage für erfolgreiches Lernen dar. Die Haltung der Fachkraft im Dialog mit dem Kind ist daher von hoher Bedeutung für einen erfolgreichen Gesprächsverlauf. Alltagsintegrierte sprachliche Bildung ist deshalb auch immer gezielt unter Berücksichtigung des Kommunikationsverhaltens der Kinder und des darauf eingehenden Antwortverhalten der Bezugspersonen.

Kommunikationsstile von Kindern

Es gibt Kinder, mit denen pädagogische Fachkräfte problemlos in Kontakt treten können. Dann gibt es aber auch Kinder, die große Schwierigkeiten haben, mit anderen zu interagieren. Wie kommt es zu solchen Unterschieden? Ähnlich wie bei Erwachsenen gibt es bei Kindern verschiedene Kommunikationsstile. In Fachkreisen wird zwischen zurückhaltenden, eigenwilligen und kontaktfreudigen Kindern unterschieden. Zurückhaltende Kinder initiieren seltener Kontakt, reagieren jedoch häufig auf Interaktionsversuche ihres Gegenübers. Kinder mit einem manchmal eigenwilligen Kommunikationsstil initiieren Kontakt besonders dann, wenn sie Hilfe benötigen. Für Erzieher*innen kann es dagegen eine Herausforderung sein, mit diesen in Kontakt zu kommen. Kontaktfreudigen Kindern stattdessen gelingt es, für andere sehr präsent zu sein, da sie häufig Gespräche initiieren und auf Interaktionsversuche reagieren.

Rolle der Erzieher*innen

Für Erzieher*innen ist es wichtig, dass sie sich über die einzelnen Kommunikationsstile im Klaren sind. Wenn eine pädagogische Fachkraft weiß, auf welche Art und Weise die Kinder bevorzugt interagieren, kann sie ihr Interaktionsverhalten dementsprechend anpassen. Zurückhaltende Kinder erhalten so die Chance, mehr in das Blickfeld der Erzieher*innen zu treten.

Im Alltag gibt es unterschiedliche Rollen, die Erzieher*innen einnehmen. Nicht alle davon fördern die positive Interaktion. Wichtig ist, dass pädagogische Fachkräfte reflektieren, zu welchem Zeitpunkt welche Rolle sinnvoll ist. Es gibt Situationen, in denen man einem Kind nicht (sprachlich) zugewandt sein kann, etwa bei Gefahr. Welche Rolle Erzieher*innen wann jeweils einnehmen, das ist abhängig vom einzelnen Kind sowie von der jeweiligen Situation. Am förderlichsten für die Entwicklung der Sprache ist es, wenn die pädagogische Fachkraft die Rolle des zugewandten Partners / der zugewandten Partnerin interagiert.

Beziehung ist alles

Entscheidend bei der Ausführung der Rolle des zugewandten Partners / der zugewandten Partnerin ist die Beziehungsarbeit zum Kind. Indem die pädagogische Fachkraft sensitiv auf die Signale der Kinder eingeht, baut sie eine gute Fachkraft-Kind-Beziehung auf und fördert gleichzeitig die Sprachkompetenz des Kindes. Sprachliche Kompetenz steht in einer direkten Verbindung mit mindestens einem Beziehungspartner, der sich wertschätzend und achtsam auf das Kind einlässt. Beziehung ist der wichtigste Ankerpunkt, um miteinander zu sprechen und um Sprache und die dazugehörigen Aspekte überhaupt zu erlernen. Doch was kann uns dabei helfen, kindliche Signale wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren?

OWL-Strategie: Ein Perspektivenwechsel hilft, Kinder besser zu verstehen

Um angemessen auf Kinder eingehen zu können, ist es wichtig, ihnen genügend Freiraum anzubieten. Zu viel Führung seitens der Fachkraft schränkt das Kind in seinem Interaktionsverhalten ein. Werden dem Kind beispielsweise zu viele Fragen in kurzer Zeit gestellt, kann es die Informationsflut oft nicht verarbeiten und reagiert nicht. Kinder brauchen Zeit, um Informationen zu verarbeiten. Folgende Eselbrücke kann daran erinnern, sich als pädagogische Fachkraft zurückzuhalten: OWL. Die einzelnen Buchstaben stehen für folgende Begriffe: O = Observe; W = Wait; L = Listen.

Die Studierenden erfahren durch eine kurze Übung die Notwendigkeit des Abwartens und Zuhörens selbst. Die Fachberaterinnen teilen die Klasse hierfür in zwei Gruppen ein. Während die eine Hälfte die Rolle eines Kindes übernimmt, schlüpfen die restlichen Studierenden in die Rolle der pädagogischen Fachkraft. Die Gruppe der Kinder hat zuvor einen geheimen Arbeitsauftrag erhalten: Versucht die pädagogische Fachkraft mit ihnen zu interagieren, warten sie 10 Sekunden auf ihre Rückreaktion.

Das Verhalten der „Kinder“ löst teilweise Verwunderung bei den Studierenden aus. Gleichzeitig meistern viele intuitiv die Situation gekonnt: „Das Kind hat sehr langsam reagiert. Erst hat mich das verunsichert, aber als ich ihm mehr Zeit gegeben habe und weniger Fragen gestellt habe, war es in Ordnung und es entstand ein richtiges Gespräch.” Am Ende der Übung wird der Arbeitsauftrag der “Kinder” aufgelöst und sorgt für lachende Gesichter.

Gewinnbringende Erfahrung

Im abschließenden Resümee betonen die Studierenden, dass sie abseits des Kita-Alltags von den Fachberaterinnen noch einmal ganz praktisch aufgezeigt bekommen haben, wie Sprachentwicklung und Sprachliche Bildung konkret in den Einrichtungen umgesetzt werden und welche Schwerpunkte Einrichtungen in ihrer Arbeit setzen können. Dies, so manche Stimmen, könne ihnen je nach Interesse auch bei der Stellensuche als ausgebildete Erzieher*innen weiterhelfen.

Die Fachberaterinnen gehen mit einem erweiterten Erfahrungsschatz aus diesem Besuch heraus. Einige Studierende haben die Praxisphase ihrer Ausbildung in einer Sprach-Kita absolviert. Ihre Rückmeldungen zeigen, ob etwas und was vom Bundesprogramm bei neuen Mitarbeiter*innen und somit auch bei den Kindern ankommt. Die Fachberaterinnen können aus diesen Rückmeldungen nochmal interessante Rückschlüsse für ihre Begleitung der Einrichtungen ziehen.

Auch manche Fachkräfte und/oder Leiter*innen aus den Sprach-Kitas sind den Studierenden durch Unterrichtsbesuche bekannt. Die positiven Rückmeldungen dazu zeigen, dass sich der Einblick in den jeweils anderen Alltag von bereits tätigen Fachkräften und Studierenden sehr lohnt.

Rückblickend ist der Austausch für beide Seiten sehr gewinnbringend und eine Freude gewesen und unsere Fachberaterinnen freuen sich, wenn die Zusammenarbeit weitergeführt wird.

Seit 2016 engagiert sich die LAG Freie Kinderarbeit mit zwei Fachberaterinnen im Bundesprogramm Sprach-Kitas. Bis heute werden in drei Verbünden insgesamt 42 Kitas beraten und begleitet.