Nach einem Jahr intensiver Arbeit wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Katharina Gerarts, Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Kinder- und Jugendrechte, im Juni 2018 die Hessische Kinder- und Jugendrechte-Charta fertiggestellt. In einer fünfteiligen Serie möchte die LAG Freie Kinderarbeit einzelne Auszüge der Charta, die von besonderer Bedeutung für die Kindertagesbetreuung sind, vorstellen. Im vierten Teil geht es darum, dass alle Kinder das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung haben.

 

» Eltern erreichen und einbeziehenKinderrechte

Gewalt in der Erziehung umfasst seelische und körperliche Bestrafungen von Kindern. Sie reicht von verbalen Abwertungen über ein Ignorieren des Kindes und leichte Züchtigungen bis zu schweren Kindesmisshandlungen. Die seelischen Folgen elterlicher Gewalt zeichnen den Weg eines Menschen oft ein Leben lang. Wie viele Kinder in Hessen Gewalterfahrungen im häuslichen Umfeld machen, ist nicht genau bekannt. Die Diakonie Hessen geht zum Beispiel davon aus, dass etwa ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in der Erziehung Gewalt erlebt. Vor diesem Hintergrund ist die Landesregierung gefordert, die Förderung einer gewaltfreien Erziehung noch stärker auf die politische Agenda zu setzen. Hierzu zählt, das Bewusstsein für die Folgen von Gewalt in der Erziehung zu schärfen. Das Recht auf gewaltfreie Erziehung kann seine Wirkung nur dann entfalten, wenn es alle Eltern und Erziehungsberechtigten kennen, gleich welcher sozialen Schicht oder Herkunft. Sie sollten unterstützt werden, Konfliktfälle und Situationen von Überlastung und Überforderung gewaltfrei zu bewältigen. Hierzu müssen Strategien zum Thema gewaltfreie Erziehung in der Familienbildung erarbeitet, Informationsmaterial für Eltern entwickelt und Elternbildungsmaßnahmen konzipiert und umgesetzt werden. Dabei sind auch zielgruppenspezifische Hilfen z.B. für mehrfach belastete Familien zu erarbeiten. Ein weiteres Handlungsfeld besteht darin, in den Nachbarschaften die Zivilcourage zu stärken. Wer Gewalt von Eltern gegenüber ihren Kindern wahrnimmt, darf nicht wegsehen. Sowohl bei Gewalt in der Erziehung als auch bei Kindesvernachlässigung gilt: Die Gefahr steigt mit der Zahl von Belastungen, denen die Familie ausgesetzt ist. Eltern und Kinder, die in Netzwerke von Nachbarn, Freunden und Verwandten eingebunden sind, können familiäre Krisen oder persönliche Belastungen leichter meistern, in der Regel gewaltfrei. Wer Gewalt vorbeugen will, muss deshalb auch die materiellen Ressourcen von Familien stärken und die soziale Integration von Familien befördern. «

aus der Hessischen Kinder- und Jugendrechte-Charta 2018, S. 105f