Über das, was in der außerschulischen Erziehung, Bildung und Betreuung als Offene Arbeit bezeichnet wird, gibt es keinen Konsens. Mal ist das bauliche Konzept der Einrichtung über Funktionsräume umgesetzt, mal sind die Türen aller Gruppen den ganzen Tag geöffnet und gegenseitige Besuche gehören zum Alltag, mal entscheidet sich ein Team das Spielzeugangebot der Kita ausschließlich am kreativen und freien Spiel der Kinder auszurichten. All diese Formen sind sehr unterschiedlich, ihnen ist jedoch eins gemein – sie stellen die eigenmotivierte Betätigung der Kinder in den Mittelpunkt. Bei Kleinkindern ergeben sich aufgrund ihres Entwicklungsstandes eine Reihe von Besonderheiten in Bezug auf eine altersangemessenen Umsetzung für die Offene Arbeit im U3-Bereich.

 

Routinen erzeugen Sicherheit

Gerade in der pädagogischen Praxis von Krippen und Krabbelstuben haben geregelte Abläufe einen großen Stellenwert. Das liegt in erster Linie daran, dass kleine Kinder sehr auf tägliche Routinen angewiesen sind. Somit sind z.B. der feste Tagesablauf, wiederkehrende Lieder und Reime, der sich immer gleichende Vorgang des Wickelns oder die individuellen kleinen Rituale jedes einzelnen Kindes (beim Begrüßen, Verabschieden oder Schlafenlegen) unverzichtbare Elemente. Sie stellen für die Kinder Sicherheit her, entlasten sie und ermöglichen es ihnen ihre ganze Kraft für die anstrengenden Entwicklungsaufgaben einzusetzen, die sie zu bewältigen haben. Zu diesen zählen z.B. das Verstehen, Erlernen und Ausprobieren von sozialen Regeln (in Freundschaften, in Gruppen, in der Öffentlichkeit), das körperliche Großwerden (motorische und feinmotorische Entwicklung, Zähne bekommen, Mittagschlaf schleicht sich aus) und das Erlangen von Selbstständigkeit und Autonomie.

 

Selbstständigkeit ist ein Bedürfnis

Wenn der Aspekt des zunehmenden Selbstständigwerdens als Aufgabe bezeichnet wird, so ist damit nicht gemeint, dass Kleinkinder den Auftrag haben diese zu erfüllen und dazu durch Erwachsene angehalten werden müssen. Vielmehr meint der Begriff in diesem Zusammenhang, dass das autonom werden eine Entwicklungstatsache ist und bewältigt werden muss. D.h. aus Sicht des Kindes haben wir es mit einem Bedürfnis zu tun – Kinder wollen, insofern sie nicht mit Macht davon abgehalten werden – selbstständig und selbststätig sein. Ihnen muss deshalb auch schon in Krippen und Krabbelstuben die Möglichkeit dazu gegeben werden. Der Grundsatz der Offenen Arbeit bietet einen guten Ausgangspunkt für die Analyse der eigenen pädagogischen Praxis.

 

Freiräume für kleine Kinder

Um Freiräume zu schaffen, die Kleinkinder selbst füllen können, muss sich stark an den eingangs erläuterten Routinen orientiert werden. Es ist zu diskutieren, an welchen Stellen im Tagesverlauf Zeit und Raum für offene Aktivitäten vorhanden sind und wie diese vorbereitet werden können. Im Folgenden sollen anhand von drei Beispielen Impulse für diese pädagogische Planung gegeben werden.

          Das Freispiel

Das sogenannte Freispiel ist bereits durch seine Bezeichnung als offene Aktivität gekennzeichnet. In dieser Zeit besteht der Anspruch an die Kinder der Gruppe, dass sie sich selbst gewählten Beschäftigungen im zur Verfügung stehenden Raum zuwenden. Zu beachten ist dabei in erster Linie, dass von den Erzieher_innen keine Regeln für die Spielaktivitäten selbst eingebracht werden sollten. Wenn drei Kinder sich entscheiden Vater-Mutter-Elefant zu spielen, muss die Anmerkung, dass der Elefant doch eigentlich das Kind ist, unbedingt vermieden werden. Das gleiche gilt z.B. für den Fall, dass Spielzeug zweckentfremdet wird. Wenn die Sonnenbrille heute als Telefon verwendet wird (obwohl ein Spieltelefon vorhanden ist), dann ist das so.

Natürlich sorgen die Fachkräfte für die Moderation von Auseinandersetzungen oder für die Organisation des Ablaufs (Abwechseln, Teilen, Zusammenspielen), das Spiel selbst gehört aber ausschließlich den Kindern. Das heißt auch, dass eventuelle normierende Anmerkungen anderer Kinder abgemildert werden sollten. Es kommt immer wieder vor, dass z.B. ein älteres Kind nur sehr schwer aushalten kann, dass heute Vater-Mutter-Elefant gespielt wird – die jüngeren Kinder daran hindern, darf es aber nicht.

          Das Basteln und Malen

Basteln und Malen bieten Kindern vielfältige Lerngelegenheiten. Sie erfahren Materialien, üben ihre Feinmotorik, lernen Farben und Perspektiven kennen und können beobachten wie aus voneinander unabhängigen Einzelteilen ein neues Ganzes entsteht. Gerade für Kleinkinder muss das ein fast magischer Moment sein. Thematisch orientieren sich Basteleien und Malangebote dabei oft am Jahresverlauf (Jahreszeiten, Feiertage) und an Projektthemen der Gruppe (Wetter, Tiere, Natur).

In einem offenen Ansatz in Bezug auf das Basteln und Malen können z.B. folgende zwei Elemente eine Rolle spielen. Es wäre zum einen möglich, einen freien Zugang zu Malutensilien und Bastelmaterialien zu schaffen, auch außerhalb der angeleiteten Aktivitäten. Kinder könnten dann auch in der Freispielzeit basteln – in einer Zeit also, in der die eigenen Ideen „offiziell“ im Vordergrund stehen. Wichtig für Fachkräfte ist es hierbei anzuerkennen, dass diese Förderung von Kreativität und Selbstwirksamkeit jeden Kleberfleck, jedes ausgiebige Händewaschen und jeden kaputten Malstift wert ist.

Zum anderen könnte man dafür sorgen, dass zwar Ausmalbilder vorhanden sind, diese aber nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. D.h., dass sich der Vorrat einzelner Motive erschöpft und die Kinder „aus objektiven Gründen“ dazu bewegt werden andere Motive (nach den vier Prinzessinnen auch mal ein Bagger) auszumalen oder leeres Papier zu nehmen. Den Kindern werden so jenseits ihrer vielleicht bereits selbst angeeigneten Routinen neue Betätigungsfelder eröffnet, die sie füllen können, wenn sie möchten.

          Das Singen und Reimen

Ähnlich wie beim Freispiel existiert beim Singen und Reimen ein gewisser Widerspruch zwischen kreativer Betätigung und Regelhaftigkeit. So fördert ein Musikangebot nicht nur, weil in ihm Musik gemacht wird auch automatisch die Kreativität der Kinder. Wichtig ist es Angebote zu schaffen, in denen tatsächlich Freiräume bestehen, die von den Kindern selbst gefüllt werden können. Von den ausgeteilten Instrumenten (Rasseleier, Trommeln) über das Texten eigener kleiner Lieder und Gedichte (Umdichten von bestehenden Liedern, neue Reimwörter suchen) hin zu einer von den Kindern moderierten Kasperltheatergeschichte (der Verlauf der Geschichte ist abhängig von den Einwürfen der Kinder).

Auch hier gilt bei Kleinkindern jedoch, dass sie bis zu einem gewissen Maße ein Anrecht auf verlässliche Angebote haben, so wie etwa ein immer gleiches Morgenlied. Beim Vorlesen am Nachmittag könnten dann aber durchaus die Namen der Figuren des Buches durch die der Kinder aus der Gruppe ausgetauscht werden.

 

Ich mach mir die Welt…

Von großer Bedeutung für die Offene Arbeit im U3-Bereich – und das gilt auch für alle anderen Angebote im Krippenalltag (Turnen, Essen, Spielen im Außengelände, etc.) – ist es, die Kreativität und den Ideenreichtum der Kinder nicht einzuschränken. D.h. wenn ein Kind von selbst auf den Gedanken kommt ein Lied umzutexten oder eine Giraffe schwarz-grün auszumalen, wäre der Hinweis, dass „das so nicht richtig ist“ gleichbedeutend mit der Verhinderung von selbstmotiviertem Lernen und damit dem Unterlaufen des zentralen Ziels einer modernen kindzentrierten Pädagogik.

Erscheinen für Erwachsene solche Einfälle in erster Linie als Abweichung und somit als Zeichen dafür, dass das Kind etwas noch nicht verstanden hat, ist es für Kinder von herausragender Bedeutung die Welt durch ihre eigenen Handlungen zu beeinflussen und zu gestalten. Daran wachsen und reifen sie und bauen, mit der Bestätigung und Akzeptanz durch die Erzieher_innen, ein gesundes Selbstbewusstsein auf. Dieses wird dann getragen durch die Erfahrung nicht nur passiv als Empfänger_in bereits bestehender Regeln zu gelten, sondern aktiv als Gestalter_in der eigenen Lebenswelt ernst genommen und eingebunden worden zu sein.

 

Notiz zum Autor

Boris Ulshöfer (Dr. phil. Dipl. Päd.) ist LAG-Fachberater