50 Jahre KinderladenZwischen antiautoritären Wurzeln und demokratischen Flügeln:

Im Oktober fanden anlässlich des 50. Geburtstages der 68er-Bewegung zwei Diskussionsveranstaltungen zur Kinderladenbewegung statt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen (BAGE) organisierte gemeinsam mit dem Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS) ein Podium in Berlin und zwei Wochen später zusammen mit der LAG Freie Kinderarbeit ein Podium in Frankfurt.

 

Die Frankfurter Runde traf sich im Festsaal des Studierendenhauses auf dem alten Campus Bockenheim. Um die 70 Gäste waren zur Abendveranstaltung erschienen und nahmen an der Diskussion um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kinderladen- und Elterninitiativbewegung teil. Podium und Publikum behandelten mit teils sehr emotionalen Beiträgen unterschiedliche Aspekte, die im Kontext der Bewegung von Bedeutung sind: Kindliche Sexualität, Elternbeteiligung, Exklusivität und viele andere.

BaaderNorbert Bender (BAGE) und Nicole Möhrmann, Referentin der Frankfurter Bildungsdezernentin Sylvia Weber, begrüßten die Gäste und Teilnehmer_innen der Veranstaltung. Im von Frau Möhrmann vorgetragenen Grußwort von Frau Weber wurde der hohe Stellenwert und die Bedeutung deutlich, die die Stadt Frankfurt den Kinderläden und Elterninitiativen in der Frankfurter Betreuungslandschaft beimisst. Nachdem Prof. Dr. Meike Sophia Baader anschließend in ihrem Einführungsvortrag den großen Einfluss hervorhob, den die Kinderladenbewegung auf den modernen Blick auf Kinder und die kindliche Entwicklung hatte, fanden sich die sieben geladenen Diskutant_innen auf dem Podium ein.

 

Ein buntes Podium…

Stephanie Trebeljahr, Zwen Keller und Thomas Strzalka konnten mit ihren Beispielen aus der heutigen pädagogischen und organisatorischen Praxis einen Zugang zu den Einrichtungen schaffen, die in der direkten Nachfolge der Bewegung stehen. Keller und Trebeljahr, die beide in der Uni Kita in Frankfurt arbeiten, schilderten, dass sie noch heute in ihrem Team von den Idealen der flachen Hierarchie und gemeinsam getragenen Entscheidungen profitieren. Zudem seien die pädagogischen Grundsätze der Selbstbestimmung von und der Aushandlung mit Kindern für sie handlungsleitend. Diese seien aber nach 50 vergangenen Jahren natürlich nicht die einzigen Einflüsse auf die heutige Arbeitsweise in der Einrichtung.

Strzalka PreßmarStrzalka, Erzieher und Mitglied des Vorstands der BAGE und des DEOS e.V., dem lokalen Dachverband der Elterninitiativen in Osnabrück, schilderte zudem eindrücklich die politischen Möglichkeiten der freien Träger. Eben weil diese sich selbst verwalten und organisieren, sei es ihnen im Besonderen möglich, alternative Ideen voranzutreiben. Auch könnten sie verhindern, dass besondere Konzepte aufgrund von vereinheitlichenden Maßnahmen eingestellt werden müssen. Als Beispiel sei hier das Elternkochen zur Einbindung der Elternschaft in den Kita-Alltag genannt. Die Elterninitiativen in Osnabrück stellten sich entschieden gegen das drohende Ende des Kochens aufgrund von strengeren Hygiene-Auflagen.

Für den Ausgangspunkt und die historischen Entwicklungen sprachen an diesem Abend Prof. Dr. Wilma Aden-Grossmann, Willi Preßmar und Hannes Lachenmair. Preßmar, der sich im Frankfurter Stadtschulamt lange Zeit der Initiierung und Förderung von freigemeinnützigen Trägern widmete, hob die großen Potenziale und den hohen Gewinn bei der Institutionalisierung der freien Träger hervor. Sie erfuhren auf diese Weise eine Öffnung in die Gesellschaft und verloren so ihren teils sehr exklusiven Charakter. Hannes Lachenmair, Mitgründer der BAGE und der Landesarbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen in Bayern, führte aus, dass es erklärtes Ziel gewesen sei, eine Alltags-Pädagogik anzubieten, die sich die normalen Elemente des Lebens (Kochen, Putzen, Einkaufen, Aufräumen, etc.) zu eigen machte und Kinder daran teilhaben ließ. Wenn die Eltern in den Kinderladen eingebunden waren, konnten sie dabei als Vorbilder für diese gemeinsame Lebensführung dienen und nachhaltiges Lernen befördern. Kinderläden waren insofern auch Elternläden.

Aden-Grossmann, Mitbegründerin der Freien Kinderschule in Frankfurt, spannte den Bogen von damals zu den heutigen Einrichtungen. Sie erzählte von einer Kita im Frankfurter Gallusviertel, die als kleiner Kinderladen gegründet inzwischen eine große Einrichtung mit über hundert Kindern ist. Der professionelle Umgang mit unterschiedlichen sprachlichen, religiösen und sozioökonomischen Hintergründen sowie die Beteiligung der Familien am Einrichtungsalltag sei in erstaunlichem Ausmaß zu sehen. Der Bedarf solcher Einrichtungen sei hoch, wolle man Angebote für alle Kinder einer Gesellschaft bereithalten.

Baader, die nach ihrem Vortrag auch am Podium teilnahm, zeigte in der Diskussion noch einmal einen wesentlichen politischen Aspekt der Tradition der Kinderladenbewegung auf. An welchen Orten, so fragte sie, lernten Kinder und junge Menschen heute noch die Prinzipien der Solidarität? Eine große Errungenschaft sei das Einbeziehen aller Beteiligten – Kinder, Eltern, Fachkräfte – in die Diskussionen um die Kinderläden und Elterninitiativen.

 

…und ein buntes Publikum

DPublikumas Publikum brachte sich an vielen Stellen der Diskussion ein. Die meisten Anwesenden hatten einen direkten Bezug zur Kinderladenbewegung. Sei es durch aktuelle oder vergangene Tätigkeiten in Einrichtungen aus dem freigemeinnützigen Spektrum, sei es durch die Mitarbeit in Verbänden, Dachorganisationen oder der Verwaltung.

Dabei schwankten die Diskussionsbeiträge zwischen der Freude über die große Wirkung, die die einstigen Ideale heute noch haben und der Angst vor einer Vereinnahmung und schleichenden Aushöhlung ihrer Grundprinzipien. Einig war sich die gesamte Runde, wenn es um den Blick auf das Kind ging. Die 68er-Bewegung und die ersten repressionsfreien Einrichtungen nahmen Kinder erstmals als Kinder an und orientierten sich an ihren tatsächlichen Bedürfnissen. Eine alte rigide und gewaltvolle Erziehung wurde über Bord geworfen und etwas Neues geschaffen. Auf diese Weise resümiert auch Lachenmair zu Ende der Diskussion, dass etwas gemeinsam gewagt wurde: „Aus der Isolation raus, aus der Depression der Nachkriegsjahre raus – in einen Aufbruch mit Leidenschaft. Mit der Begeisterung sich etwas anzueignen. Etwas zu entwickeln, was sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen tragfähig ist für die Zukunft. Das war das Ziel.“

 

Initiative zur Vielfalt

Stefan Dinter, Geschäftsführer der LAG Freie Kinderarbeit, entwickelte in seinem Schlusswort eine Perspektive für die freigemeinnützigen Träger. Es müssten nicht ausschließlich Eltern sein, die die Initiative ergreifen – auch wenn die Wortkomposition Elterninitiative dies natürlich nahelege. Unter den richtigen Rahmenbedingungen könnten vielfältige Angebote entstehen, wie z.B. in Frankfurt die bilingualen Einrichtungen, die von Kulturvereinen getragen werden. Diese Einrichtungen seien für einen bestimmten Bedarf, eine bestimmte Community geschaffen und werden deshalb auch langfristig kleine Träger bleiben. Trotzdem tragen sie einen großen Teil dazu bei, dass der Bereich von einer qualitätsvollen Vielfalt geprägt ist, deren Erhalt auch ein zentrales Ziel der LAG Freie Kinderarbeit sei.